Rücken und Arbeitsplatz - Das Rückenproblem in der heutigen Arbeitswelt
Sie kennen dieses Gefühl: Seit längerer Zeit sitzen Sie praktisch bewegungslos
an Ihrem Arbeitsplatz vor dem PC und konzentrieren sich auf eine Aufgabe. Irgendwann
dringt dieses Gefühl von Unwohlsein oder sogar Schmerz langsam in Ihr
Bewusstsein, was Sie endlich wieder dazu bringt, sich kurz zu bewegen.von Viviana Simonetta Abati
Und obwohl Ihnen vielleicht das Strecken des Rückens einerseits ein wenig Erleichterung bringt, spüren Sie andererseits dieses tief sitzende dumpfe Gefühl von dauerhaften Verspannungen, von permanent «ein-gerostet» sein, vielleicht auch von chronischem Schmerz, der halt gerade noch so auszuhalten ist.
Mit dieser Erfahrung stehen Sie nicht alleine da. Zwei Verlgeichsstudien des SECO (Staatssekretariat für Wirtschaft) zeigen alarmierende, beziehungsweise stetig steigenden Werte. Die Studie fragte unter anderem nach Rückenbeschwerden am (Büro-)Arbeitsplatz. Die Antworten von 1984 und 1998 im Vergleich:
- Oft oder häufig Rückenbeschwerden 1984 ➞ 13%
- Oft oder häufig Rückenbeschwerden 1998 ➞ 21%
Was bedeutet das für den Arbeitgeber?
Nebst dem offensichtlichen «Verlust» für den Arbeitgeber durch Krankheits- und Fehltage, sowie steigenden gesetzlichen Abgaben, kann die Einbuße durch verminderte Leistungsfähigkeit kaum beziffert werden. Aber es leuchtet ein: Jemand der Schmerzen hat, ist in seiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt, wird stärker abgelenkt, hat weniger Energie, ist weniger motiviert, weniger konzentriert, da sein Körper immer wieder oder sogar ständig «Alarm» auslöst. Seitens des Unternehmens höre ich oft, dass sie ja bereits das Notwendige getan hätten und die Büroarbeitsplätze nach ergonomischen Richtlinien hätten einrichten lassen. Und ausserdem seien die Mitarbeitenden in erster Linie selbst verantwortlich für ihre Gesundheit.Dem ersten Argument der ergonomisch eingerichteten Arbeitsplätze kann ich nur eingeschränkt zustimmen. Zu viele Betriebe haben bis heute die ergonomischen Richtlinien nicht umgesetzt oder schenken ihnen zu wenig Beachtung. Werden die Arbeitnehmer befragt, ob bei ihrer Einstellung jemand an ihrem Arbeitsplatz vorbei geschaut habe und den Arbeitsplatz ergonomisch auf die Person ausgerichtet habe, dann antworten 9 von 10 Befragten mit Nein.
Zum Argument der Eigenverantwortung gibt es etwas mehr zu sagen. Grundsätzlich stimmt es natürlich, dass jeder Mitarbeitende selbst für seine Gesundheit verantwortlich ist. Mit «jeder» sind aber auch Geschäftsleitungsmitglieder, Personalverantwortliche und Vorgesetzte gemeint. Das müsste dann bedeuten, dass Personen aus diesen Funktionskreisen, welche immer gerne auf die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden hinweisen, es selbst besser tun, schon nur deshalb, weil sie eine gewisse Vorbildfunktion (gewollt oder ungewollt) innehaben. Das ist erstens nicht so, im Gegenteil, Rückenbeschwerden sind bei diesen Personengruppen mindestens genauso ausgeprägt vorhanden, wie bei den anderen Mitarbeitenden, bei stark stressbelasteten Personen dieser Gruppen sogar noch häufiger. Zweitens trägt ein Unternehmen Mitverantwortung durch den gesetzlichen Auftrag, die Gesundheit der Mitarbeitenden zu schützen und zu gewährleisten (Arbeitsschutzgesetz) und drittens kann ja ein GL-Mitglied oder Vorgesetzte/r einfach die Augen vor dem Problem verschliessen und die Konsequenzen in Kauf nehmen oder kann aktiv etwas dagegen unternehmen und mit wenig und einfachen Mitteln die Mitarbeitenden zu einem rückenschonenderen Verhalten anleiten und das zu einem festen Bestandteil seiner Führungsaufgabe machen. Somit wird die Gesundheit einmal mehr Chefsache.
Was bedeutet das für den Arbeitnehmer?
An erster Stelle die Frage: Welches ist Ihre häufigere Haltung am Arbeitsplatz?
Bild A oder B? Falls Sie mit A geantwortet haben, hat Ihr Gehirn da nicht automatisch Argumente geliefert wie:
- Ja, aber man kann ja nicht 8 Stunden so gerade sitzen…
- Ich habe halt keinen ergonomischen Stuhl, Tisch, usw.
- Haltung A ist halt einfach bequemer…
- Weder noch. Ich sitze ja meist zurückgelehnt im Stuhl und das ist nicht belastend…
Es ist nur natürlich, dass wir uns für unser Verhalten uns selbst gegenüber mit «einleuchtenden» Argumenten rechtfertigen. Am gekonntesten tun wir das dann, wenn wir sehr genau wissen, dass das eigentlich Ausreden sind… Aber betrachten Sie doch das Phänomen Haltung einmal aus folgendem Blickwinkel:
- Würden Sie bei Ihrem Auto permanent die Kupplung während dem Fahren schleifen lassen?
- Würden Sie mit einem platten Reifen einfach weiterfahren, ohne das Problem dauerhaft zu beheben?
- Würden Sie entsprechende Massnahmen ergreifen, damit Ihr Auto keine Standschäden erleidet?
- Würden Sie Ihre Bandscheiben durch eine krumme Sitzhaltung ständig überbelasten?
- Würden Sie Druckschmerzen in der Wirbelsäule einfach aushalten, ohne das Problem dauerhaft zu beheben?
- Würden Sie entsprechende Massnahmen ergreifen, damit Ihr Rücken-/Bewegungsapparat keine «Standschäden» erleidet?
Sie haben nicht ganz unrecht, wenn Sie finden, dass diese Vergleiche an den Haaren herbei gezogen sind. Bedenken Sie dabei einfach folgendes: Ihr Auto können Sie jederzeit gegen ein neues eintauschen. Ihren Körper behalten Sie ein Leben lang. Beeinträchtigungen durch jahrelange Fehlhaltungen sind schwieriger zu beheben, wenn sie nicht sogar zum Teil irreversibel sind.
Die gute Nachricht ist: Sie können mit wenigen und einfachen Mitteln zu einer besseren Haltung finden und damit viele Beschwerden vermeiden, vermindern oder vorbeugen. Eine gute, rückenschonende Haltung ist wie Zähneputzen. Man gewöhnt sie sich einfach an. Ich kann Ihnen sogar ein einfaches Rezept hierfür geben:
- Seien Sie sich Ihrer Haltung am Arbeitsplatz (und im Privatleben) bewusst.
- Nutzen Sie die physikalischen Kräfte von Schwerkraft und Zugspannung für eine mühelose aufrechte Haltung (mehr dazu später).
- Machen Sie mehrmals täglich für wenige Minuten ein paar Übungen am Arbeitsplatz (mehr dazu später).
Fazit
Die Botschaft ist so simpel wie klar:- Der Arbeitgeber kann mit wenig finanziellen und zeitlichen Ressourcen viel zu einer gesunden Rückenkultur im Unternehmen beitragen, und damit konstruktiv mehr Leistung, Wohlbefinden, Motivation und Firmenidentität generieren.
- Der Arbeitnehmer kann auf einfache Weise seine Beschwerden vermindern oder ihnen vorbeugen, seine Konzentration und sein Wohlbefinden steigern und damit auch ein Stück mehr Lebensqualität für sich selbst schaffen.
AUTOR
Viviana Simonetta Abati ist Leiterin des Instituts für betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) in Bern. Als Arbeits- und Organisationspsychologin kennt sie die wissenschaftliche Seite von Gesundheitsförderung im Arbeitsprozess und als ehemalige Leiterin für Personalentwicklung in einer grossen kantonalen Direktion ist sie auch mit der praktischen Umsetzung von BGF in einem Unternehmen vertraut.
Es erstaunt wenig, dass das Thema Gesundheit auch im privaten Leben von Viviana Abati eine grosse Rolle spielt. Sie treibt selbst regelmässig Sport (Aerobic) und persönlich bezeichnet sie es als Hobby, dass sie Mitinhaberin eines therapeutisch ausgerichteten Pilates-Studios ist. Das macht sie auch zur kompetenten Beraterin für das Thema Rücken.
Das Institut für betriebliche Gesundheitsförderung berät und begleitet Kunden bei der Einführung und Umsetzung von BGF-Projekten. Es plant, steuert und kontrolliert die Umsetzung von BGF-Projekten in einem Prozess. Die Zusammenarbeit bietet sich vor allem dann an, wenn im Unternehmen selbst die BGF-Kompetenzen fehlen oder zu wenig personelle und/ oder finanzielle Ressourcen zur Verfügung stehen.









